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am 5. März 2016

Eine Kritik an instrumentalisiertem Feminismus

Mahsa Abdolzadeh - Zum Frauentag geht Mahsa Abdolzadeh auf aktuelle politische Entwicklungen und ihren Zusammenhang mit Feminismus ein.

Seit Sommer 2015 ist die Verwendung von Begriffen wie „Flüchtlingswelle, -strom und -lawine“ ein Hit in der österreichischen Medienwelt. Lawinen, Ströme und Wellen sind Naturkatastrophen. Durch die Verwendung dieser Bezeichnungen werden flüchtende Menschen einerseits als eine Gefahr, als eine Katastrophe gezeichnet, die nationale Grenzen überschreitet, die „Gemeinschaft Europa“ betritt und die Exklusivität Europas gefährdet. Gleichzeitig werden die unzumutbaren, zur Flucht dieser Menschen führenden Zustände in ihren Herkunftsländern als naturgegeben dargestellt.

In der Silvesternacht 2015 in Köln erreicht der Rassismus seinen Höhepunkt, nachdem viele sexuelle Belästigungen an Frauen angezeigt wurden und die Medien von Flüchtlingen als Tätern schreiben. Jene, die sich nun plötzlich um Frauenrechte bemühen, versuchen ihre rassistischen Ressentiments gegen Flüchtlinge dahinter zu kaschieren. Die eigentliche Intention dieser „Aufgeklärten“ besteht darin, die Angst vor dem „Fremden“ zu rationalisieren. Sie instrumentalisieren Frauenrechte, um ihre nicht erfüllen Triebe auf den vermeintlich Fremden zu projizieren - und gleichsam den eigenen Rassismus zu verdecken. Wenn es ihnen ernsthaft um Aufklärung und Frauenemanzipation gehen würde, wie sie es vorgeben, dann sollte es sie interessieren und nicht weniger bestürzen, wenn eine Frau in einem islamischen Land belästigt und sexuell misshandelt wird, denn Feminismus ist universell.

Die Tatsache, dass Flüchtlinge überwiegend aus islamischen Herkunftsländern stammen, wo der Körper der Frau als Schlachtfeld für patriarchale Machtansprüche fungiert, erweckt bei Europäern die Angst, dass der Körper „ihrer Frauen“ ebenfalls als Schlachtfeld herhalten muss.

In diesem Kontext möchte ich die folgenden drei Umstände hervorheben;

Erstens: Dass eine Beschäftigung mit dem grundsätzlichen Sexismus in europäischen Ländern immer schon aktuell war und es nach wie vor ist, erkennt man beispielsweise am „Pograpsch-Paragrafen“, der letztes Jahr in Österreich hitzig diskutiert wurde.

Zweitens: Dass in Folge von Migrationsbewegungen in Europa schon seit langem sexuelle Gewalt auch durch islamisch-sozialisierte Männer begangen wird, ist ebenso bekannt. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema wird allerdings viel zu selten und wenn, dann nur mit vielen Tabus, geführt.

Drittens: Die Täter der Kölner Silvesternacht sind Individuen, die eine Straftat begangen haben. Wenn wir von „Muslimen“ oder „Flüchtlingen“ als Tätern sprechen, sehen wir diese Menschen immer als ein Kollektiv an, Die Täter werden entmündigt. Diese Sichtweise widerspricht jeglicher Individualismustheorie und negiert, dass es einzelne, individuelle Männer waren, die eine Straftat begangen und Frauen sexuell belästigt haben - und nicht eine (wie auch immer benannte) kollektive Gruppierung.

Die Reaktion auf die Kölner Silvesternacht bestand darin, dass plötzlich viele Menschen die „armen Frauen“ vor den Fremden be/schützen wollten. So wurde - ein ohnehin falsch verstandener - Feminismus instrumentalisiert, um rassistische Ideen zu bejahen und zu verbreiten. Wäre es der auf Köln folgenden Debatte tatsächlich um Frauenrechte und Feminismus gegangen, hätte diese unabhängig von der Herkunft geführt werden müssen.

In islamisch geprägten Gesellschaften, aber auch in den islamischen Familien und Communities in europäischen Ländern, wird durch die Tabuisierung (freier) Sexualität ein Frauenbild erzeugt, welches die Frau qua Geschlecht zu einem Objekt macht, das für die Bedürfnisbefriedigung des Mannes stets zur Verfügung zu stehen hat. Die Bereitschaft zur männlichen Bedürfnisbefriedigung wird insbesondere dann gesehen, wenn sich Frauen nicht vor dem männlichen Blick schützen, indem sie beispielsweise ohne Verschleierung und möglicherweise alkoholisiert die Straße entlang gehen. Die Selbstverständlichkeit der freien Kleiderwahl und des Gedankens an ein in Freiheit geführtes Leben ist eine, der ein langer Kampf der Frauenemanzipation vorausgegangen ist. Diese Errungenschaft stand schon immer und steht nun auch in Europa akut wieder in Frage. So meinte der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstel wider alle emanzipatorischen Errungenschaften etwa: „Frauen sollten nachts generell in Begleitung unterwegs sein“1.

Doch die Selbstverständlichkeit der Freiheit wollen sich auch viele emanzipatorisch denkende Menschen in islamischen Ländern erkämpfen. In islamischen Ländern schützt das, wegen der gesellschaftlichen Situation, freiwillig eben auch unfreiwillig getragene Kopftuch so wie auch die Körperverschleierung nicht vor sexuellen Übergriffen. Es geht also nicht darum, dass die Frau ihr Verhalten ändert oder sich anpasst, aber wenn schon alle Stricke reißen, dann lernt sie, dass sie lernt, sich selbst zu verteidigen.

Anstatt die Ereignisse der Kölner Silvesternacht zum Anlass zu nehmen, um eine breite Diskussion zum Thema Gewalt an Frauen zu initiieren, wurden die Geschehnisse dafür missbraucht, die xenophobe Stimmung in Deutschland und Österreich weiter zu befeuern. Es wurde so getan, als handle es sich bei Frauenfeindlichkeit und bei Gewalt gegen Frauen um importierte Probleme - nach Europa gebracht von „fremden“ Männern, von Flüchtlingen und Asylwerbern. Die Problematik wurde bewusst kulturalisiert und ethnisiert und eine ohnehin unmögliche Kritik an Islam noch unmöglicher gemacht.

1 http://kurier.at/chronik/wien/puerstl-frauen-sollten-nachts-generell-in-begleitung-unterwegs-sein/173.750.034